Religionskurs der 10. Klasse
Besuch der Westend-Synagoge
Zu Beginn erklärte uns der sympathische Gemeindevertreter Jakob wichtige Regeln für den Synagogenbesuch. Männer tragen dort eine Kopfbedeckung, während Frauen im Judentum nicht dazu verpflichtet sind, eine Kopfbedeckung zu tragen oder zu beten. Außerdem wird angemessene Kleidung erwartet. Danach konnten wir die Synagoge frei erkunden. Besonders beeindruckend waren die großen Verzierungen, die Kuppel sowie die goldene hebräische Schrift am Toraschrein. Sie erinnert im Gottesdienst daran, aufmerksam zu sein und Respekt gegenüber Gott zu zeigen.
Im Anschluss erhielten wir viele Informationen über die Geschichte der Synagoge und das jüdische Leben in Frankfurt. Die Synagoge wurde zwischen 1908 und 1910 erbaut und ist heute über 115 Jahre alt. Besonders bemerkenswert ist, dass sie die einzige große Synagoge Frankfurts ist, die den Zweiten Weltkrieg überstanden hat. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden viele andere Synagogen zerstört und Bücher verbrannt. Rund um die Synagoge lebten früher zahlreiche jüdische Familien, da Juden am Schabbat keine langen Wege zurücklegen sollen. Während der NS-Herrschaft waren viele Juden vertrieben oder ermordet worden. Die umliegenden Gebäude blieben erhalten, da die Nationalsozialisten die jüdischen Wohnungen bezogen und nun selbst dort wohnten.
Wir erfuhren außerdem viel über den jüdischen Glauben und den Ablauf eines Gottesdienstes. Im orthodoxen Judentum sitzen Männer und Frauen getrennt: Männer im unteren Bereich, Frauen auf einer Empore. Am Ende der Führung durften wir selbst auf die Empore gehen und diese Perspektive erleben. In liberalen Gemeinden sitzen Männer und Frauen dagegen gemeinsam und beten oft zusammen. Der Gemeindevertreter erklärte uns, dass es im Judentum verschiedene Richtungen gibt, darunter orthodoxe, traditionelle und liberale Gemeinden, die sich alle die Westendsynagoge teilen. Orthodoxe Juden gelten dabei häufig als strenger und lehnen einige Ansichten der liberalen Gemeinden ab. Außerdem erfuhren wir, dass die jüdische Gemeinschaft heute vergleichsweise klein ist und es nur wenige Jugendliche und Kinder gibt.
Besonders interessant waren für viele von uns die Informationen über die Tora. Sie wird auf Hebräisch geschrieben und von rechts nach links gelesen. Wer aktiv am Gottesdienst teilnehmen möchte, sollte daher Hebräisch lesen können. In manchen Ländern, wie beispielsweise den USA, finden Gottesdienste teilweise auch auf Englisch statt. Die Torarollen werden mit großer Sorgfalt von speziell ausgebildeten Schreibern (Soferim) in Jerusalem gefertigt. Dabei werden Feder und Tinte verwendet, und das Schreiben einer einzigen Tora kann über ein Jahr dauern. Bereits kleinste Fehler oder Beschädigungen führen dazu, dass eine Torarolle nicht mehr verwendet werden darf. In diesem Fall wird sie wie ein Mensch auf einem jüdischen Friedhof begraben. Oft sind die Torarollen zusätzlich mit Schmuck und Verzierungen versehen. Außerdem wurde uns erklärt, dass die Tora und ihre Einweihung eine Synagoge überhaupt erst zu einer Synagoge machen, selbst wenn kein Rabbiner anwesend ist.
Wir lernten außerdem, dass Juden regelmäßig beten und der Schabbat, der jüdische Ruhetag am Samstag, eine große Bedeutung hat. Ein Gottesdienst kann dort mehrere Stunden dauern. Dabei werden traditionell sieben Männer aufgerufen, um aus der Tora vorzulesen oder Segenssprüche zu sprechen. Der Rabbiner leitet den Gottesdienst und sagt oder singt manchmal bestimmte Gebete vor. Rabbiner gelten als wichtige Vertrauenspersonen und Berater der Gemeinde. Interessant war auch, dass es im Judentum keine im christlichen Sinne verstandenen Vorstellungen von Himmel und Hölle sowie keine sakramentale Beichte gibt. Stattdessen trägt jeder Mensch selbst Verantwortung für seine Fehler. Dafür gibt es den Versöhnungstag, an dem gefastet und über das eigene Verhalten nachgedacht wird. Außerdem beten viele Juden bevorzugt gemeinsam in der Synagoge statt allein zu Hause.

Ein weiterer interessanter Punkt war, dass Kinder im Judentum die Religion der Mutter übernehmen. Eine Konversion ist jedoch möglich, dauert aber in der Regel mehrere Jahre, da Hebräisch und viele religiöse Regeln erlernt werden müssen. Zudem erfuhren wir etwas über wichtige Feste und Traditionen. Die Bar-Mizwa für Jungen ab 13 Jahren und die Bat-Mizwa für Mädchen ab 12 Jahren lassen sich mit der christlichen Konfirmation vergleichen. Auch die Gemeinschaft spielt eine große Rolle. Viele Familien spenden Geld oder sogar Torarollen an die Synagoge, wobei der Name der Spenderfamilie oft auf der Tora vermerkt wird.
Der Besuch der Westend-Synagoge war für unseren Religionskurs eine sehr spannende und lehrreiche Erfahrung. Wir konnten das Judentum besser verstehen und viele neue Eindrücke sammeln. Besonders wichtig war dabei die Erkenntnis, wie bedeutend Respekt und das Verständnis zwischen verschiedenen Religionen und Kulturen sind.
Sofia C.
für den Religionskurs RKA10abcd SIM